Einmal um die Welt: Auslandspraktikum in Liuzhou

Von Milena O. am 13-10-2016 0 Kommentare | 276 Views

Diesmal beantwortet eine junge Studentin, die ihr Auslandspraktikum in China, Liuhzou gemacht unsere Fragen rund um ihren Aufenthalt in dieser völlig anderen Kultur und wunderschönen Umgebung.

1. Was hast du in Liuzhou gemacht?

Nachdem mir in der Schule all die Jahre vorgegeben wurde, wie ich mindestens die Hälfte meiner Woche verbringen soll, brauchte ich dringend Abwechslung. Das Ausland sah verlockend aus und hatte so viel zu bieten. Es war für mich nicht einfach , mich zu entscheiden wohin es gehen soll und was ich dort tun möchte. Doch bald stand es fest. Ich ging für ein Jahr nach Liuzhou, um dort als Englischlehrerin an einer Mittelschule zu arbeiten.

2. Inwiefern unterscheidet sich das Arbeiten in Liuzhou im Vergleich zum Arbeiten in Deutschland?

In meiner Heimatstadt hatte ich bereits in der Hausaufgabenbetreuung einer Grundschule gejobbt und so einen kleinen Einblick in die Arbeit einer Schule gewonnen. Wenn Eltern in Deutschland eine chinesische Schulklasse sehen würden, würde ihnen wahrscheinlich der Mund offen stehen bleiben. Es kommt nicht selten vor, dass bis zu 80 Schüler in einem Klassenraum sitzen. Und der ist oft nicht größer als ein durchschnittlicher Klassenraum in Deutschland. Vorne steht der Lehrer und bellt in sein Mikrofon, vor ihm sitzen – auf den ersten Blick – brav und aufmerksam die Schüler. Wer eine Frage nicht beantworten kann oder stört wird vom Lehrer streng zurecht gewiesen. Wird ein Schüler aufgefordert etwas zu sagen, muss er aufstehen und darf sich erst setzen, wenn es ihm erlaubt wurde. Für Jemanden, der eine deutsche Schule gewohnt ist, erscheint das erstmal unverständlich und brutal. Doch schnell habe ich gemerkt, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Es gibt auch hier Klassenclowns, Freunde geben sich heimlich Zettelchen weiter und in der Pause werden noch schnell die Hausaufgaben abgeschrieben. Was mir besonders positiv aufgefallen ist, dass Schüler und Lehrer trotz der Strenge nach dem Unterricht schon fast freundschaftlich miteinander umgehen.
Da die Schule weiß, dass ein deutscher Abiturient keine 80-Schüler Klasse handeln kann, habe ich immer nur eine Hälfte der Klasse unterrichtet. Es ist den Menschen dort bewusst, dass es besonders beim Erlernen einer Sprache wichtig ist, diese im Unterricht viel zu sprechen. Bei so vielen Schülern natürlich kein leichtes vorhaben. Deswegen bekam ich die Aufgabe den Kindern die Angst vorm Sprechen zu nehmen. Da es sich um zusätzlichen Unterricht für die Schüler handelte, musste ich nur an 4 Tagen in der Woche arbeiten. Eine Unterrichtseinheit dauerte 60 Minuten, ob eine Pause eingelegt werden musste, konnte ich frei entscheiden. Der normale Unterricht ging von 7 Uhr bis 13 Uhr und von 14.30 Uhr bis 17 Uhr. Zwischen den einzelnen Stunden gab es 10 Minuten Pausen, in denen die Schüler bei lauter Musik in der Klasse rumtanzten oder ihnen durch die Lautsprecher ansagen gegeben wurden, wie sie sich entspannen sollen.

3. Wie hast du in Liuzhou gelebt?

Ich hatte Glück, da sich die Schule für mich um ein Apartment gekümmert hat. So habe ich in einem Wohnviertel gewohnt, in dem mehrere Lehrer wohnten und musste für meine Wohnung keine Miete bezahlen. Meine Wohnung war mit Schlaf-, Arbeits- und Wohnzimmer schon fast zu groß für mich.

4. Wie sind die Preise und durchschnittlichen Kosten pro Monat?

Es kommt ganz darauf an, was für einen Lebensstandard man anstrebt. Wer sein Obst und Gemüse auf dem lokalen Markt um die Ecke kauft, kommt um einiges günstiger weg, als wer in den großen Supermarkt geht. Für mich war der Markt die regelmäßige Anlaufstelle zum Einkaufen, denn dort waren die Produkte auch um einiges frischer und die Verkäufer hatten immer ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. An die rumlaufenden Hühner und lebendigen Kröten, die in Netzen zur Schau gestellt wurden, habe ich mich schnell gewöhnt. Die Mietpreise sind besonders in den großen Städten unheimlich hoch und auf den Quadratmeter umgerechnet sogar höher als in Deutschland.

5. Wie gut kann man innerhalb Liuzhou und in der Umgebung herumreisen?

Liuzhou ist als Industristadt kein Ort, in den sich viele Touristen verirren. Für die Einwohner sind jedoch die vielen Parks und die grün bewachsene Promenade am Fluss entlang ein schöner Ort zum Ausruhen. Wer allerdings eine spektakuläre Landschaft sehen möchte, ist mit Yangshuo sehr gut bedient. Yangshuo ist nur 2 Stunden von Liuzhou entfernt und bezaubert Touristen von überall mit seiner atemberaubenden Landschaft. Hier kann man Fahrrad- und Bootstouren machen und die örtlichen Leckereien probieren.

6. Hast du das Gefühl die Kultur des Landes kennengelernt zu haben?

Bevor ich nach China gegangen bin, hatte ich nur eine sehr geringe Vorstellung von diesem riesigen Land. Ich hatte keine bestimmten Erwartungen, was eine gute Voraussetzung war. Vieles ist sehr anders als in Deutschland und würde von dem ein oder anderen Europäer wahrscheinlich nicht verstanden werden. In dem einen Jahr habe ich sehr viel erlebt und gesehen und kann sagen, dass ich die Kultur, die Menschen und das Land sehr viel besser kenne als zuvor. Da es viele Chinesen gibt, die kaum oder gar kein Englisch sprechen, war es anfangs schwer, Kontakt zu Einheimischen zu knüpfen. Doch nach einiger Zeit hatte ich auch gute chinesische Freunde, die mich das ein oder andere Mal mit ihren merkwürdigen Ideen und Aktionen überrascht haben. Und wer ein paar gebrochene Sätze auf Chinesisch sagen kann, erntet bei vielen Chinesen Respekt.

7. Was MUSS man in Liuzhou erlebt haben?

Liuzhou darf man auf keinen Fall wieder verlassen, ohne sich nach einer durchzechten Nacht einer der vielen Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt gegönnt zu haben. So wird der Kater am nächsten Morgen auch erträglicher.

8. Woran musstest du dich zunächst gewöhnen?

Da sich China erst seit ein paar Jahrzehnten dem Rest der Welt geöffnet hat, sind Ausländer besonders in den kleinen Städten noch sehr selten. Als Westler fällt man durch sein Aussehen schnell auf. Weiße Haut, runde Augen und ein hoher Nasenrücken gelten als Schönheitsideale. Mit hellen Haaren sticht man besonders hervor. Auf der Straße wurde ich immer mit Erstaunen angestarrt, mir wurde ein aufgeregets ‚Hello‘ hinterher gerufen und nicht selten wurde ich angehalten, um ein Foto zu machen. Das war am Anfang doch eher gewöhnungsbedürftig. Warum behandelt ihr mich wie einen Alien? Grr! Doch mit der Zeit verstand ich die Aufregung besser und nahm die Blicke auf der Straße gar nicht mehr war.

9. Gibt es eine Sache, die du an Deutschland besonders vermisst hast?

Das Essen in China ist unheimlich vielseitig und lecker. Es gibt tausende von kleinen Restaurants in denen du für 50 Cent ein unheimlich köstliches Mittagessen bekommen kannst. Jede Region hat seine eigenen besonderen Gerichte. Ob scharf, süß, sauer, salzig, man findet einfach alles. Fast alles. Außer guten würzigen Käse. Den habe ich schon den ein oder anderen Tag vermisst, doch sobald der Duft der nächsten Nudelsuppe mich betörte, war das Käseverlangen innerhalb der nächsten Minuten wie in Luft aufgelöst.

10. Fernab vom touristischen Angebot: Hast du einen richtigen Insidertipp für uns?

Da Liuzhou absolut keine Touristenstadt ist, gibt es auch kaum touristische Sehenwürdigkeiten. Wer einen Einblick in das chinesische Rentnerleben bekommen möchte, geht in einen der vielen Parks. Dort spielt sich das Leben der älteren Generation ab. Sie amüsieren sich bei Kartenspielen, grübeln über dem nächsten Zug beim chinesischen Schach, üben sich in Kalligraphie oder tanzen zu lauter Musik Standardtänze. Wenn man nicht aufpasst und einen Schritt in die falsche Richtung macht wird plötzlich applaudierend über die Tanzfläche gewirbelt.


Milena O. (24) Studentin der Medienwissenschaften an der Uni Tübingen

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